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Kirchensperrungen

Von den josephinischen Reformen sind die meisten hinlänglich bekannt und wissenschaftlich ausgewertet. Bezüglich der kirchenpolitischen Reformen sind vor allem die Klosteraufhebungen und die Pfarrregulierung erwähnenswert, dass es im Zuge der Pfarrregulierung aber auch zu zahlreichen Kirchensperrungen kam, ist weniger geläufig.

Eine zentrale Maßnahme der josephinischen Reformen war die Verbesserung der Pfarreinteilung. Die Pfarren waren eine alle Teile der Erblande umfassende territoriale Kleinorganisation, die alle Untertanen erreichen sollte. Unter der Regierungszeit Maria Theresias ging die Neuorganisation der Seelsorgesprengel nur sehr langsam voran, erst die persönliche Initiative des Kaisers Joseph II. während seiner Alleinregierungszeit (1780–1790) brachte eine endgültige Lösung dieser so lange diskutierten Frage. Im Februar 1782 begannen die organisatorischen Vorarbeiten, die im Herbst in einer genauen Untersuchung der vorhandenen Situation endeten. Die daraufhin veröffentlichten so genannten Direktivregeln besagten, dass dort eine Seelsorgestelle vorgesehen sei, wo Wasser, hohes Gebirge, Schnee im Winter oder schlechte Wege den Kirchgang erschweren, die Entfernung über eine Stunde Weg beträgt und die Gemeinde über 700 Seelen stark ist. Nun wurden zahlreiche Filialkirchen in Pfarrkirchen umgewandelt und mit einem Priester ausgestattet, aber auch der Bau von neuen Kirchen und Pfarrhöfen wurde notwendig. Alle jene Kirchen und Kapellen, die für den öffentlichen Gebrauch unnötig und deshalb entbehrlich sein würden, sollten profaniert werden.

Die Sperrung und Entweihung von zahlreichen, im Zuge der Pfarrregulierung, überflüssig gewordenen Nebenkirchen fand in der Forschung bisher kaum Beachtung, weshalb es umso wichtiger ist dieses Thema in den Focus der Wissenschaft zu rücken. Nicht nur in Hinblick auf eine Ausdehnung der Erforschung der josephinischen Reformen auf einen bisher kaum berücksichtigten Aspekt, auch in Bezug auf die Kirchengeschichte und vor allem auf die Regionalgeschichte ist die Frage nach dem Schicksal der gesperrten Gotteshäuser aufschlussreich. In den Ländern der Habsburger-Monarchie, in denen der katholische Glaube zutiefst verankert war, zeigte sich großes Unverständnis für die kirchlichen Maßnahmen des Kaisers. Die Klosteraufhebungen wurden ebenfalls mit Unmut aufgenommen, aber erst die Schließung der Filialkirchen und Kapellen, die zum Teil erst ein oder zwei Generationen zuvor errichtet worden waren, traf die traditionsbewusste Bevölkerung unmittelbar. Der Kampf der Bevölkerung und auch der des lokalen Klerus gegen die Profanierung ihrer Gotteshäuser war zu Lebzeiten Joseph II. von nur mäßigem Erfolg geprägt. Die Wiedereröffnungsbestrebungen nach seinem Tod wurden allerdings vehement vorangetrieben.

Die primäre Aufgabenstellung dieses Forschungsvorhabens ist zwar das Auffinden der gesperrten bzw. zu sperren angedachten Gotteshäuser, aber auch die Aufarbeitung des Schicksals dieser Kirchen und Kapellen in Hinblick auf eine Regionalgeschichte der Menschen steht im Vordergrund. Die Arbeit soll bewusst machen, dass viele der Gotteshäuser, die heute zum Teil wertvolle Kulturgüter darstellen, nur aufgrund des unermüdlichen Einsatzes der Bevölkerung gemeinsam mit dem Klerus vor dem Abriss bewahrt werden konnten.

Die Kooperation mit anderen Disziplinen, insbesondere der Kunstgeschichte (z. B. Bildquellenforschung bei verschwundenen Kirchen) und der Archäologie (z. B. Kirchenruine St. Georgen), im Sinne einer ganzheitlichen kulturhistorischen Aufarbeitung der Fragestellungen bezüglich der gesperrten Gotteshäuser in der Obersteiermark steht im Vordergrund.

(Sandra Pichler)